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Der violette Dunkelstorch

 


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0 Tauben die am Himmel Walzer tanzen
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1 Das fliegen mit Wiener Hochflieger0001
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2 Der letzte Altmeister-Wiener Hochflieg
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3 Der Wiener Röserlscheck - ein Mauerblü
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6 Johann Schloßnickel ein Jauker aus Tra
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16 Der Wiener Hochflieger „König der Lüfte“ wird er genann
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 Auszug aus Google.


Peter Heindl und seine Hochflugtauben

Walzertanz im taubenblauen Himmel

 

Von Petra Tempfer

  • Wenn sie sich in weit gezogenen Kreisen hoch in die Lüfte schrauben, um schließlich gleich den Funken eines Feuerwerks gen Erde zu purzeln, versprühen sie einen fast vergessenen Zauber: Die Wiener Hochflugtauben, die sich dem über den "Ratten der Lüfte" schwebenden Fluch mit einem einzigen Flügelschlag entziehen.

 

Ein Pfiff als Kommando - und nahezu gleichzeitig starten die schlanken, weißen Vögel zu ihrem Höhenflug, der sie bis über die Wolken führen soll. Minutenlang schraubt sich der Schwarm empor und zeichnet stets neue Muster in den Himmel, um schließlich ins Unsichtbare zu entschwinden. Noch während ihm von der Erde aus gebannt nachgestarrt wird, taucht er an ganz anderer Stelle wieder auf. Er purzelt aus einem Wolkenloch, um einen Sekundenbruchteil später erneut der Sonne entgegen zu fliegen und anschließend wieder herabzufallen.

"Sie sehen dabei aus, als tanzten sie am Himmel Walzer", schwärmt Peter Heindl, der im Tiergarten Schönbrunn die Wiener Hochflugtauben (Columba livia f. domestica, auch Purzeltaube genannt) betreut. Bei günstigem Wetter entsendet er sie täglich um 10 Uhr gen Himmel. Deren Taubenschlag, der im Jahr 2006 dem ehemaligen Direktor Helmut Pechlaner vom Verein der Freunde des Tiergartens zum Abschied geschenkt worden ist, schmiegt sich eng an den großen Kinderspielplatz des Zoos. "Der perfekte Platz", meint Heindl, "weil Kinder das Wichtigste sind, um Traditionen weiterzugeben."

Jene der Wiener Hochflugtaube wäre schon beinahe in Vergessenheit geraten - und das, obwohl zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu 250 Schwärme (im Fachjargon "Stiche") den Himmel über Wien erfüllten. Waren doch die Wiener von den flinken Vögeln derart begeistert, dass es hieß: "Es gibt nur eine Weltstadt, es gibt nur ein Wien, wer einen rasanten Hochflug erleben will, der fahre dort hin."

Feilschen auf dem Taubenmarkt. Allein in Wien waren rund 1000 Züchter registriert - heute sind es österreichweit nur noch 15. Die meisten trafen jeden Sonntag zusammen, wenn in der Cumberlandstraße in Wien-Penzing unweit des Tiergartens der Taubenmarkt stattfand. Um 7.30 Uhr klappten die ersten Händler im Hof des Wirtshauses "Goldener Hirsch" ihre Stände auf, um einen ganzen Vormittag lang um den Preis ihres gurrenden Federviehs zu feilschen, Futter zu verkaufen oder einfach nur über die Taubenzucht zu palavern.

Manche Tiere wurden verschenkt, andere um umgerechnet 10 bis 50 Euro verkauft. Einige wenige waren unverkäuflich - war doch jeder Interessent zugleich ein potenzieller Konkurrent, dessen Tauben die eigenen beim Preisfliegen ja nicht schlagen sollten. Dieses galt als das gesellschaftliche Ereignis schlechthin, womit zahlreiche Wiener ihre Wochenenden verbrachten, worauf sie hinfieberten - und wobei sie mitunter viel Geld verwetteten. "Der nervöse und wendige Wiener Hochflieger war das Rennpferd des kleinen Mannes", erklärt Heindl. "Willst du dein Geld nicht sehen liegen, dann kauf' dir Tauben und lass' sie fliegen" soll damals ein gängiger Spruch gewesen sein.

Hatte jedenfalls einmal ein "Jauker" (Taubenbesitzer, der seine Vögel durch Pfiffe und Gestik in den Himmel jagt) ein Preisfliegen angemeldet, pilgerten am festgesetzten Wochenende sämtliche Taubenenthusiasten zum Hof des Herausforderers. Unter dem strengen Blick der Flugrichter "jaukte" dieser sein unruhiges Geflügel über die Dächer, wo es stundenlang seine Flugspiele zeigte. Währenddessen floss Wein in Strömen, der eine oder andere Schnaps wurde gekippt und dazu Brot mit heißen Würsteln gegessen.

Flug ins Unsichtbare. Über Sieg oder Niederlage entschied die Kombination aus Höhe und Zeit des Taubenfluges. Die Flugrichter bedienten sich dabei Begriffen wie Kirchturm- oder Wolkenhöhe. Bereits preisverdächtig klang die Wertung "unsichtbar", was bedeutete, dass der "Stich" nicht einmal mehr mit dem Fernglas zu erkennen war und seine maximale Flughöhe von rund eineinhalb Kilometern erreicht hatte. Doch selbst ein "Stich", der nach stundenlangen Walzerschwüngen in schwindelnder Höhe erschöpft zum Taubenschlag zurückkehrte, hatte den Sieg noch nicht in der Tasche. Erst wenn sich der vollzählige "Stich", der zumindest aus 18 Tieren besteht, nahezu gleichzeitig auf dem Dach niederließ, hatte der "Jauker" Grund zum Jubeln. Denn falls auch nur ein einziger Vogel fehlte, hatte er bereits verloren.

"Seine Tauben galten fortan als Unglücksraben, die man dann auf dem Markt nachgeschmissen bekam", fügt Heindl, den Blick auf seinen durch die Wolken tanzenden "Stich" gerichtet, hinzu. Der Taubenmarkt in der Cumberlandstraße findet seit vier Jahren nicht mehr statt. Als sein Veranstalter und Kropftaubenzüchter Johann Kainz starb, fand sich kein Nachfolger mehr. Somit wäre die Taubenzucht, die im Zweiten Weltkrieg durch das - mit der Fliegerbomben-Gefahr begründete - Halteverbot auf Dachböden ohnedies stark eingedämmt war, endgültig dem Untergang geweiht gewesen. Hatte doch gerade der Dachboden den meisten Züchtern als Taubenschlag gedient. Überdies wurde der Ruf der Taube immer schlechter. Aus Angst, sie könnten Krankheiten übertragen, und weil sie Gebäude mit ihrem Kot verschmutzen, werden Tauben heute aus den Dachböden verbannt.

Peter Heindl und seine Hochflugtauben

Walzertanz im taubenblauen Himmel

 

 

Was den Wiener Hochflugtaubensport betrifft, gewinnen hingegen die alten Traditionen wieder an Boden. Denn zu dem seit 1897 bestehenden "Komitee der vereinigten Wiener Tümmler Hochflugtaubenvereine Wien" hat sich der "Sonderverein der Wiener Tauben" gesellt, der regelmäßig Preisfliegen veranstaltet. Auch in Deutschland und zum Beispiel in Budapest gibt es Hochflugtaubenzüchter. Die Tauben der jeweiligen Länder unterscheiden sich aber gravierend durch den Flugstil. Bei einigen Rassen ist laut Heindl sogar der Fehler begangen worden, zunehmend auf schönes Gefieder hin zu züchten - wodurch die Flugeigenschaften an Qualität verloren.

"Gespritzte" und "Gekranzelte". Die Hochflugtauben in Schönbrunn spiegeln ebenfalls sämtliche Farbvariationen wider. So tummeln sich neben "Gekranzelten", die einen grauen Kranz um den Hals tragen, "Gespritzte" und "Hellstörche" in den Boxen des Taubenschlags. Neben dem 38-köpfigen "Stich" gibt es derzeit 60 Zuchtpaare, die die untere Etage bevölkern. "Wenn man zwei Tauben zusammen lässt, legt die Täubin nach zehn Tagen die ersten Eier", berichtet der Tierpfleger - bei der anschließenden 16-tägigen Brutzeit wechsle sie sich mit dem Tauberte ab. Als Heindl den Taubenschlag betritt, um zwei grau gefiederte Jungtiere aus einem Nest zu holen, erfüllt ein Rauschen die Luft. Unzählige weiße Flügel durchschwirren den Raum. Bei seiner Rückkehr stecken weiße Daunenfedern in Heindls Haar. "Daran ist ein Vogelzüchter immer zu erkennen."

Wie Heindl dazu wurde, liegt in dessen Kindheit begründet: Der Vater besaß eine Geflügelfarm. "Ich bin mit den Viechern aufgewachsen, mich hat nie etwas anderes interessiert", erzählt der 62-Jährige. Das schönste Weihnachten wird für ihn stets jenes bleiben, als ihm sein Vater eine junge Pfautaube unter den Christbaum setzte. Die ganze Weihnachtsnacht verbrachte Heindl im Freien beim Taubenschlag, um sein Geschenk zu bewundern - woraufhin er in der nächsten Nacht mit einer Lungenentzündung im Bett lag.

Auf die Pfautaube folgten dennoch unzählige weitere gefiederte Gesellen. Seit vier Jahren in Schönbrunn, macht sich Heindl auch hier für die Erhaltung alter Taubenrassen und Traditionen stark - nicht zuletzt, um deren schlechten Ruf aufzupolieren. An der Wiedereröffnung und vor allem Befüllung des historischen Taubenschlags vor dem Schloss Schönbrunn im August dieses Jahres war er maßgeblich beteiligt.

Doch sobald Heindl die Käfigtür zum Flug öffnet, sind auch seine Tauben nicht vor der natürlichen Selektion gefeit. "Ihr größter Feind ist der Wanderfalke", berichtet er. Einer davon lebt in der Nähe des Tiergartengeländes. Pünktlich um zehn Uhr, wenn die Flugshow für gewöhnlich beginnt, zieht er bereits seine Kreise rund um den Taubenschlag. Auch heute - und plötzlich wird der "Stich" von einer Unruhe ergriffen, die den Rhythmus seines Tanzes stört. Der Falke nähert sich blitzschnell und treibt die Vögel immer höher Richtung Sonne. Unvermittelt zieht er einen großen Bogen, um einen Flügelschlag später oberhalb des "Stichs" wieder aufzutauchen, die Flügel anzulegen und sich gleich einer Sternschnuppe auf seine Beute zu stürzen. "Wenn dann eine weiße Feder zu Boden segelt, weiß man, was passiert ist", sagt Heindl lakonisch. Denn der Verlust eines Vogels geht für ihn nicht mehr mit einer bitteren Niederlage einher - wie einst beim Preisfliegen in einem Alt-Wiener Innenhof.